Positionen

22.10.2013

Studieren ohne Barrieren: Inklusion an den Hochschulen

Von Isabell Zacharias, MdL, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion

Der Begriff „Inklusion" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Einschluss". Inklusion ist die auf den Menschenrechten beruhende Leitidee für ein gutes Leben behinderter Menschen. Im Bildungssystem ist damit ihre volle Teilhabe zu verstehen. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention bedeutet das sogar: Die Institutionen haben sich an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anzupassen, nicht umgekehrt. Um allen, auch behinderten und chronisch kranken Studierenden, das Recht auf Bildung zu garantieren, müssen ihnen die Bildungseinrichtungen erst einmal zugänglich sein. Von diesem ersten Schritt sind in Bayern die meisten Hochschulen leider noch weit entfernt.

Laut Aussagen des Wissenschaftsministeriums hat nicht einmal die Hälfte der bayerischen Hochschulen einen barrierefreien Zugang oder kann eine barrierefreie Teilnahme an Lehr- und Hochschulveranstaltungen anbieten. Altbauten haben keine Behindertentoiletten und sind nicht frei von Zwischentreppen im Haus oder vor der Eingangstür, Neubauten sind zwar barrierefrei, aber immer wieder sind Toiletten nicht betriebsbereit oder verschlossen, Türen nicht automatisch bedienbar oder defekt und Aufzüge nicht zu finden. Für die 16 Prozent der Studierenden in Bayern, die an einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit leiden, wird das Studium so zu einem Hindernislauf. Doch die Beschwerden fangen nicht erst an der Hochschule an, sie beginnen in den eigenen vier Wänden.

Barrierefreie Wohnheime sind oft sehr weit von der Hochschule entfernt, Projekte wie betreutes Wohnen mit einem Pfleger für mehrere Behinderte stellen die Ausnahme dar. Dabei sind Behinderte besonders auf die günstigen Wohnangebote der Studentenwerke angewiesen, da sie sich oft in einer schwierigen finanziellen Situation befinden. Für viele Studierende mit Behinderung ist das Studium eine zweite Berufsausbildung. Daher sind sie meist älter als ihre Kommilitonen und haben keinen Anspruch auf Bafög. Hartz IV wird Studierenden nicht gewährt und die meisten Stipendien haben eine Altersgrenze. Dies fällt besonders ins Gewicht, da Studierende mit Behinderung oder chronischen Krankheiten oft nicht kontinuierlich die gleiche Leistung erbringen können.

Dazu kommt, dass die Leistungsanforderungen der neuen Studiengänge in einem zeitlich engen Rahmen erbracht werden müssen. Wem dies temporär aufgrund einer chronischen Erkrankung nicht möglich ist, läuft Gefahr, sein Studium abbrechen zu müssen. Bei der Suche nach offensichtlich benötigter Unterstützung werden die Betroffenen oft von einem Amt zum anderen verwiesen. Sie pendeln zwischen Hochschule, Sozialhilfeträgern, Krankenkassen und Integrationsämtern. Es verwundert daher nicht, dass 41 Prozent der über 43 000 betroffenen Studierenden in Bayern angeben, durch ihre Krankheit oder Behinderung in ihrem Studium beeinträchtigt zu sein.

Die SPD-Landtagsfraktion setzt sich für das Recht auf Bildung ein: erst recht für Studierende mit Behinderung oder mit einer chronischen Krankheit. Dazu müssen Hochschulen sowie gut erreichbare Wohnheime barrierefrei sein. Die Interessen von Studierenden mit Behinderung können nur dann stark vertreten werden, wenn die Mitspracherechte und Kompetenzen der Behindertenbeauftragten ausgeweitet werden. Um zu garantieren, dass Studierende mit Behinderung die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht, muss diese aus einer Hand kommen. Sie kann z.B. von den Studentenwerken koordiniert werden. Um auf die besonderen Studienbedingungen von Behinderten und chronisch Kranken einzugehen, ist es sinnvoll, Studiengänge in Teilzeit anzubieten.

Isabell Zacharias

Hochschul- und kulturpolitische Sprecherin der BayernSPD-Landtagsfraktion

[mehr]