Positionen

08.05.2014


"Geben wir den Kindern mehr Zeit zum Lernen"

Entschleunigung statt Schulstress. Der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, Martin Güll, MdL, über G8, Chancengerechtigkeit und Gemeinschaftsschulen

Die BayernSPD-Fraktion setzt auf Entschleunigung statt auf Schulstress. Das G8-Chaos am Gymnasium ist derzeit das prominenteste, aber nicht das einzige brisante Thema im bayerischen Schulsystem. Ein Interview mit dem Vorsitzenden des Bildungsausschusses des Bayerischen Landtags, Martin Güll, MdL, über Lösungen und Konzepte für mehr Zeit und bessere Schulen.

Martin Güll verkörpert geradezu die Bildungspolitik der BayernSPD-Landtagsfraktion. Der 60-jährige frühere Hauptschulleiter aus Markt Indersdorf bei Dachau leitet seit 2011 im Landtag den bedeutenden Ausschuss für Bildung und Kultus. Für die SPD ist Bildung seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert ein zentrales politisches Thema - und es ist eines der wenigen Politikfelder, in denen der Freistaat tatsächlich noch selbständig entscheiden kann.   Wir haben mit Martin Güll über die aktuellen bildungspolitischen Themen und die Positionen der Sozialdemokraten im Landtag gesprochen

Größtes bildungspolitisches Diskussionsthema in Bayern ist derzeit das Gymnasium, also G8 oder G9. Was will die SPD?

Martin Güll: Die SPD will den Schülerinnen und Schülern ausreichend Bildungszeit geben. Dies erreicht man nicht dadurch, dass man Unterrichtsstoff zusammenpresst und bis zu 10 Fächer am Tag durchpaukt, wie es derzeit im G8 Standard ist. Die CSU war in zehn Jahren unfähig, ein tragfähiges pädagogisches Konzept für ein verkürztes Gymnasium zu entwickeln, das der Verschiedenartigkeit der jungen Menschen gerecht wird.

Deshalb wollen wir, dass im Unterrichtsgesetz wieder neun Jahre für das bayerische Gymnasium als Regelversion festgeschrieben und für die rund 20 Prozent Leistungsstärkeren geeignete Überholspuren und Beschleunigungsstreifen eingerichtet werden. Zudem wollen wir, dass deutlich mehr Gymnasien zu guten Ganztagsschulen umgebaut werden.

Was unterscheidet die bayerische SPD in der Bildungspolitik von der Staatsregierung und den anderen Landtagsparteien?

Für die SPD-Bildungspolitik stehen Bildungsgerechtigkeit und das Eröffnen von Bildungschancen immer im Vordergrund. Jedes Kind, jeder Jugendliche soll seine Potenziale bestmöglich entfalten können. Wir lehnen deshalb den immensen Übertrittsdruck in der vierten Grundschulklasse ab, weil die Kinder dadurch einseitig auf Noten getrimmt werden und Kreativität und Lernfreude in den Hintergrund tritt.

Wir wollen das differenzierte Schulwesen weiterentwickeln und Schulen mit längerem gemeinsamem Lernen ermöglichen. Diese Gemeinschaftsschulen können gerade im Ländlichen Raum wertvolle Schulstandorte sichern. Schulen, die nicht ausgrenzen, sondern zusammenführen und die Entwicklung der Persönlichkeiten begleiten und in den Mittelpunkt stellen, tragen entscheidend zur Verbesserung der Bildungschancen bei.

Wie beschreiben Sie den Zustand des bayerischen Bildungssystems?

Wer genug Unterstützung aus dem Elternhaus bekommt und viel Begabungspotenzial mitbringt, bewältig sicherlich auch das bayerische Schulsystem erfolgreich und vielleicht sogar ohne große Probleme. Es gibt aber, wenn man genau hinschaut, viel zu viele Verlierer in diesem System. Das sind nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund oder Handicaps welcher Art auch immer. Das sind häufig auch unsere Jungs, die diesem Ausleseprozess nicht gewachsen sind.

Oft sind es aber einfach auch langsamere oder kreativere Kinder, die nicht auf den Punkt fit sind und deshalb die Übergänge zwischen den Schulformen nicht schaffen. Viele Lehrerinnen und Lehrer klagen über mangelhafte Personalausstattung und Rahmenbedingungen - mit Recht. Zu viel Unterricht fällt immer noch aus. Baustellen gibt es also noch genug.

Welche konkreten Maßnahmen, sollten als erstes angegangen werden, um die Lage zu verbessern?

Schulen brauchen als wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit verlässliche Rahmenbedingungen für die vom Staat und Bayerischen Landtag definierten Aufgaben. In erster Linie geht es dabei um ausreichend Personal. Die Umwandlung von Halbtagsschulen in qualitativ gute Ganztagsschulen geht nicht ohne mehr und entsprechend aus- und fortgebildetes Personal. Inklusion, d.h. der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, braucht dringend multiprofessionelles Personal in ausreichender Zahl. Bei beiden gibt es in Bayern großen Nachholbedarf.

Eltern brauchen für ihre Kinder auch Bildungsangebote, die zeitgemäß und vor allem wohnortnah sind. Eltern brauchen Schulen, die die Förderung der Kinder nicht nach außen delegieren, die die Kinder durch individuelle Förderkonzepte in den Mittelpunkt stellen. Das von der SPD-Landtagsfraktion erarbeitete Konzept der Gemeinschaftsschule erfüllt all diese Voraussetzungen.

Falls Sie weitere Fragen an Martin Güll haben, schicken Sie ihm doch einfach eine E-Mail: martin.guell@bayernspd-landtag.de

Martin Güll

Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag und bildungspolitischer Sprecher der BayernSPD-Landtagsfraktion

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