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30.06.2014

Wie geht es weiter an Bayerns Gymnasien? - Die drängendsten Fragen und unsere Antworten

Der bildungspolitische Sprecher der SPD, Martin Güll, hat die Positionen der Landtagsfraktion zum Gymnasium der Zukunft zusammengestellt. Hier die wichtigsten Fragen und unsere Antworten:

  1. Welche Grundhaltung zum achtjährigen Gymnasium hatte die SPD-Landtagsfraktion bei der Einführung und wie hat sich diese verändert?

  2. Was spricht gegen das G8?

  3. Wie kam es zur Positionierung „Gymnasium der 2 Geschwindigkeiten“ im Landtagswahlkampf 2013?

  4. Warum wurde diese Positionierung jetzt weiter entwickelt?

  5. Soll also das alte G9 wieder kommen?

  6. Was spricht für eine neunjährige Variante?

  7. Warum unterstützt eigentlich die SPD-Fraktion das Volksbegehren der Freien Wähler nicht?

  8. Wie geht es weiter?

1. Welche Grundhaltung zum achtjährigen Gymnasium hatte die SPD-Landtagsfraktion bei der Einführung und wie hat sich diese verändert?

Die SPD-Fraktion in Bayern bewertete die Einführung des G8 von Beginn an kritisch. Denn der damalige Ministerpräsident Stoiber und seine Kultusministerin Hohlmeier hatten mit der Einführung des G8 das Wahlversprechen aus dem Landtagswahlkampf 2003 gebrochen. Entgegen ihrer Zusage, das Gymnasium nicht zu verändern, wurde direkt nach der Wahl völlig überstürzt und konzeptionslos das Gymnasium auf 8 Jahre verkürzt. Die anhaltende Kritik am G8 auch nach zehn Jahren und nach dem Durchlauf von mehreren Abiturjahrgängen rückt wieder die Frage nach einer längeren Gymnasialzeit ins Zentrum der bayerischen Bildungsdebatte. Die SPD folgte ihrer Grundüberzeugung, dass kein Kind verloren gehen darf und stellte mit ihrem Spitzenkandidaten Christian Ude im Jahr 2013 die Wahlmöglichkeit für Eltern und Schüler zwischen einem G8 im gebundenen Ganztag und einem entschleunigten, neu aufgestellten G9 in den Mittelpunkt ihres Landtagswahlkampfes.

2. Was spricht gegen das G8?

  • Die Verdichtung des schulischen Lernens geht einher mit einer Qualitätsminderung. Zwei Beispiele: Quantenmechanik kann man mit Sechstklässlern behandeln, aber es kommt nicht dasselbe Verständnis dabei heraus wie mit 18-jährigen SchülerInnen. Goethes „Faust“ macht erst mit jungen Erwachsenen Sinn. Oft werden statt kompletten Büchern, nur noch Teil-Lektüren gelesen.

  • Die Verkürzung bringt eine Reduzierung auf reine Wissensvermittlung mit sich.

  • Es kommt zu Überbelastung: In der Mittelstufe haben die SchülerInnen viel zu viel verschiedene Fächer. Das bedeutet an vielen Tagen bis zu 9 Unterrichtsstunden mit verschiedenen Fächern – Vertiefung bleibt auf der Strecke.

  • Der Leistungsdruck steigt: Es werden große Unterschiede bei den Leistungen der SchülerInnen festgestellt.

  • Ausgerechnet in der Pubertätsphase (Mittelstufe) haben die SchülerInnen die höchste Stundenbelastung; oft sind dadurch vor allem die Jungs von schlechteren schulischen Leistungen betroffen.

  • Im ersten G8-Jahrgang 2011 fielen doppelt so viele Abiturienten durch wie noch im G9. Im zweiten Abiturjahrgang 2012 lag die Durchfallerquote immer noch bei 3,7 Prozent.

  • Fehlende Freizeit führt zu weniger Engagement in außerschulischen Bereichen.

  • Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit gefährdet die Studierfähigkeit, da selbstständiges Lernen kaum möglich ist.

  • Auffällig mehr Kinder werden krank durch schulischen Stress.

3. Wie kam es zur Positionierung „Gymnasium der 2 Geschwindigkeiten“ im Landtagswahlkampf 2013?

Es war ab dem Jahr 2011 klar, dass das achtjährige Gymnasium nicht zur Ruhe kommen wird. Das Kernproblem des G8 ist die zeitliche Belastung der Schüler (vgl. Frage 2). Der Grund dafür liegt einerseits in der Vorgabe der Kultusministerkonferenz (KMK), nach der jeder Schüler vom Eintritt ins Gymnasium bis zum Abitur insgesamt mindestens 265 Wochenstunden Pflichtunterricht haben muss. Umgerechnet bedeutet das gerade in der Mittelstufe bis zu 36 Stunden pro Woche und damit oft 3 Nachmittage Unterricht. Andererseits konnte oder wollte das CSU-geführten Kultusministerium den Lehrplan nicht wirklich überarbeiten und auf das Wesentliche beschränken und pädagogische Konzepte (Doppelstundenprinzip, weniger Fächer, mehr selbstgesteuertes Lernen etc.) erarbeiten.
Ähnlich wie im SPD-geführten Rheinland-Pfalz sollte deshalb nach Ansicht der SPD-Fraktion die verkürzte Version (G8) ausschließlich in pädagogisch gut konzipierten Ganztagsschulen angeboten werden. Im anderen Fall in einer neunjährigen Version mit deutlich reduzierter Wochenstundenzahl bis einschließlich Ende der Mittelstufe (10. Klasse). Hauptunterscheidungsmerkmal wäre bei einem Konzept des Gymnasiums der zwei Geschwindigkeiten, dass in der G8-Form die Oberstufe nach der 10. Klasse 2 Jahre, in der G9-Version wie früher wieder 3 Jahre dauern sollte. Eltern und SchülerInnen hätten demnach ein klares Wahlrecht gehabt, wenn die Staatsregierung nach der Landtagswahl 2013 von der SPD geführt worden wäre.

4. Warum wurde diese Positionierung jetzt weiter entwickelt?

Leider war das Ergebnis der letzten Landtagswahl nicht so, dass die SPD in Bayern in Regierungsverantwortung kam und ihr Konzept hätte umsetzen können. Trotz Wahlsieg der G8-Verfechter (CSU) beruhigte sich die Lage an den Gymnasien in den folgenden Monaten nicht. Vielmehr vermeiden zunehmend Eltern das G8, obwohl ihre Kinder eine Eignung für das Gymnasium haben. Immer mehr Umfragen machten deutlich (z.B. die 2. Jako-O-Studie im Januar 2012), dass die übergroße Zahl der Eltern (84 % in Bayern) und auch LehrerInnen, neuerdings auch der SchülerInnen zur neunjährigen Variante zurückkehren wollen, weil sie eine grundlegende Änderung der G8-Struktur nicht mehr für möglich halten. Selbst der Bayerische Philologenverband, der BLLV, Lehrerpersonalräte, SchülerInnenvertretungen und auch Elternvertreter forderten ein klares Zurück zur neunjährigen Variante, nicht aber zum alten G9.
Die SPD-Landtagsfraktion führte nach der Wahl im Herbst 2013 verschiedene Fachgespräche mit den VertreterInnen der Schulfamilie, in denen klar wurde, dass das Wahlrecht nicht als eine realistische Option gesehen wird, zumal es in Bayern fast keine gebundenen Ganztagsangebote in Gymnasien gibt. Der Tenor aller Beteiligten war ganz klar: Die Regelform am Gymnasium soll G9 lauten, die Verkürzung auf 8 Jahre soll die Ausnahme sein.
Der Landesvorstand der BayernSPD hat sich in seiner letzten Sitzung Ende Mai für ein klares „Vorwärts zu einem neuen G9!“ ausgesprochen – moderne Pädagogik mit individueller Förderung - denn kein Kind soll verloren gehen.

5. Soll also das alte G9 wieder kommen?

Nein, das strebt die SPD-Fraktion nicht an. Der Beschluss lautet: „Vorwärts zu einem modernen G9!“. Und damit ist gemeint, dass gesetzlich die Regelschulzeit am Gymnasium auf 9 Jahre festgelegt wird und schnellere Wege zum Abitur die Ausnahme sind. Vorstellbar wäre hier eine flexible Oberstufe von zwei oder drei Jahren (vgl. Frage 3) oder auch begleitetes Überspringen, wie es der Bayerische Philologenverband vorschlägt. In jedem Fall soll ein ergebnisoffener Prozess herausarbeiten, welche Grundpfeiler ein modernes, zukunftsweisendes Gymnasium haben soll.

6. Was spricht für eine neunjährige Variante?

  • Mehr Lernzeit für die SchülerInnen

  • Mehr Zeit für Kernfächer

  • Mehr Zeit für individuelle Förderung

  • Mehr Entwicklungszeit für die Persönlichkeit

  • Mehr Zeit für außerschulische Aktivitäten und Freizeit

  • Entlastung des Schulalltags

  • Umfassendere Allgemeinbildung

  • Bessere Vorbereitung aufs Studium

  • Erfolgreicher zum Abitur

  • Bessere Vorbereitung auf die Nach-Schulische Zeit

  • Weniger Nachhilfe

7. Warum unterstützt eigentlich die SPD-Fraktion das Volksbegehren der Freien Wähler nicht?

Die Freien Wähler (FW) hatten anders als die BayernSPD Veränderungen im Gymnasium nicht über die politische Wahlentscheidung, sondern durch das Einleiten eines Volksbegehrens im Frühjahr 2013 erwirken wollen. Das war und ist eine alleinige Entscheidung der Freien Wähler. Auch unterschied sich das Konzept zum Wahlrecht an Gymnasien der FW und das der SPD zu diesem Zeitpunkt (Gymnasium der 2 Geschwindigkeiten) sehr stark (s. Frage 3).
Nach dem Willen der FW entscheidet das jeweilige Schulforum, d. h die Schule selbst über die Dauer der gymnasialen Schulzeit. Beide Varianten – also G8 oder G9 – sind folglich als grundlegende Struktur an einer Schule möglich, unabhängig vom Ganztag oder einer inhaltlichen Veränderung. Das hält die BayernSPD nicht für sinnvoll. In der Umsetzung erwarten alle Schulexperten große Schwierigkeiten. Insbesondere im ländlichen Raum können kleinere Gymnasien diese Form des Wahlrechts nicht bieten. Damit wäre einem Teil der Bevölkerung in Bayern eine Wahl zwischen G8 und G9 verwehrt.
Die SPD-Fraktion tritt für ein „modernes neunjähriges Gymnasium“ ein. Wir wollen eine Weiterentwicklung des Gymnasiums mit mehr qualitativer Bildungszeit – das sieht auch der aktuelle Gesetzentwurf der SPD im Bayerischen Landtag vor. Eine Unterstützung des Volksbegehrens ist ausgeschlossen, weil die SPD gesetzlich wieder 9 Jahre als Regelschulzeit festlegen will. Dies sehen auch der Bayerische Philologenverband und die LandesschülerInnenvertretung so wie wir – sie haben sich ebenso zu einem G9 in Bayern bekannt.

8. Wie geht es weiter?

Folgerichtig wird zunächst im Bayerischen Landtag auf der politischen Ebene zu entscheiden sein, welche zeitliche Grundstruktur das bayerische Gymnasium haben soll: 8 oder 9 Jahre. Deshalb hat die SPD-Landtagsfraktion einen diesbezüglichen Gesetzentwurf Ende Juni 2014 eingebracht.
Das Problem ist aber erst dann gelöst, wenn es eine gemeinsame Lösung für die Gestaltung des Gymnasiums gibt. Die BayernSPD schlägt deshalb vor, über die inhaltliche Ausgestaltung des neuen G9 unter Einbeziehung der Schulfamilie, der betroffenen Verbände und aller Fraktionen im Landtag zu verhandeln. Nur so kehrt wieder Ruhe ins Gymnasium ein.

Martin Güll

Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag und bildungspolitischer Sprecher der BayernSPD-Landtagsfraktion

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