Positionen

01.01.2015

Arbeit 4.0 – Chancen nutzen, Risiken minimieren

Von Annette Karl, MdL, Wirtschaftspolitische Sprecherin der BayernSPD-Landtagsfraktion

Die Digitalisierung der Arbeit verändert Arbeits- und Lebensbedingungen grundlegend und in einer hohen Geschwindigkeit. Dies betrifft sowohl soziale Beziehungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse als auch die konkreten Bedingungen der Arbeit. Digitale Arbeit ist gekennzeichnet durch die Nutzung von Informationstechnologien und deren Vernetzung. Sie ist aber weit mehr. Die Digitalisierung der Arbeit schafft neue Bedingungen

  • für den Zugang zu Arbeit
  • die Bedeutung und den Inhalt von Arbeit
  • für die Arbeitsbedingungen und deren Gestaltung
  • für die Arbeitsbeziehungen
  • für die Sicherheit der Beschäftigung
  • für die globalen Wettbewerbsbedingungen
  • für die Konzentration und die Ausübung wirtschaftlicher Macht
  • für die Gestaltung von politischen Rahmenbedingungen.

Die Bedingungen der Arbeit werden in Verbindung mit der Digitalisierung durch folgende Merkmale geprägt:

  • Arbeit wird beschleunigt durch ihre Vernetzung und die hiermit verbundene Überwindung von zeitlichen und räumlichen Schranken. Wissen und Informationen werden in Echtzeit übertragen. Die Ankopplung der Arbeit an Märkte und deren wechselnde Bedingungen wird enger.

  • Arbeit wird flexibler, weil sie weniger an Zeit und Ort gebunden ist und die Verteilung der Arbeit leichter über betriebliche und räumliche Grenzen hinweg organisiert werden kann.

  • Arbeit wird globaler, weil die Möglichkeiten internationaler Arbeitsteilung durch die digitale Vernetzung wachsen. Wissens-, Dienstleistungs- und Produktionsarbeit können global flexibel verteilt werden.

  • Arbeit wird stärker kontrollierbar, weil Arbeitshandeln und Leistungsverhalten detailliert dokumentiert werden können. Herrschaft und Kontrolle über Arbeit erhalten hierdurch eine besondere Bedeutung.

  • Arbeit ist verbunden mit neuen Chancen und Risiken, weil dem möglichen Zuwachs von kreativen Tätigkeiten die mögliche Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen gegenüber steht. Darüber hinaus bestehen neben Chancen auf mehr Selbstbestimmung auch Risiken wachsender Belastungen durch eine nahezu grenzenlos ausgedehnte zeitliche Verfügbarkeit, eine zunehmende Arbeitsintensität und eine drohende Selbstausbeutung.

Zusammenfassend ist festzustellen: Die Digitalisierung der Arbeit beinhaltet Chancen und Risiken. Diese Chancen und Risiken sind aber nicht technologisch vorbestimmt. Digitale Arbeit ist politisch gestaltbar.

Digitale Arbeit ist vielfältig. Sie reicht von der kreativen Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen bis zur Arbeit auf Abruf für den Transport und die Verteilung von Waren. Digitale Arbeit kann selbstbestimmt sein oder engen Vorgaben folgen, die Spielräume zum Denken und Handeln stark einschränken. Digitale Arbeit kann selbst organisiert und gut vereinbar mit anderen Lebensbereichen wie der Familie sein, oderdazu zwingen, sich jederzeit für die Arbeit verfügbar zu halten. Digitale Arbeit kann Spielräume für die Zusammenarbeit mit anderen eröffnen oder Zusammenarbeit einengen, weil geringe Handlungsspielräume diese verhindern. Die Chancen und Risiken digitaler Arbeit sind politisch beeinflussbar.

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Bedingungen der Arbeit, sondern auch wirtschaftliche Strukturen. Verbrauchs- und Investitionsgüter sowie Dienstleistungen werden durch die Digitalisierung verändert oder entstehen sogar vollkommen neu, andere wiederum verschwinden.
Wirtschaftliche betriebliche und technische Daten sind zeitlich und räumlich unbegrenzt verfügbar und dienen zur Steuerung von Arbeitsprozessen und zur Nutzung bei Entscheidungsprozessen (z.B. über Investitionen)

Alle diese Prozesse werden gesteuert durch digitale Daten und deren logische Verknüpfung. Die Kompetenz zur Digitalisierung und die Verfügung über Daten schaffen eine neue Grundlage für die Konzentration von wirtschaftlicher Macht und politischem Einfluss. War es in der Vergangenheit vor allem die Verfügbarkeit über Produktionsmittel, so ist es heute die Digitalisierung, von der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen sowie der Zugang zu Informationen zunehmend abhängen. Damit werden die Karten neu gemischt.

Auf der einen Seite sind es „digitale Konzerne“ (z.B. Google, Facebook oder Amazon), die eine neue wirtschaftliche Macht mit politischem Einfluss repräsentieren, auf der anderen Seite geraten kleine „digitale Unternehmen“ und traditionelle Branchen in den Sog veränderter Strukturen. Neue wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten entstehen.

Die Digitalisierung stellt deshalb auch eine Herausforderung der Begrenzung wirtschaftlicher Macht dar. Wir sind gefordert, die drohende Konzentration wirtschaftlicher Macht auf wenige digitale Konzerne einzudämmen. Deshalb sprechen wir uns für die Entflechtung von Unternehmen aus, die den Zugang zu Märkten blockieren und einen fairen Wettbewerb durch die Nutzung ihrer Durchsetzungsmacht aushebeln. Dies wird allerdings nationalnicht möglich sein, dazu bedarf es einer Initiative im Rahmen der Europäischen Union. Eine besondere Bedeutung hat hierfür das europäische Wettbewerbsrecht zur Verhinderung von Monopolpositionen.

Darüber hinaus muss es darum gehen, eine Vielfalt von Unternehmen zu fördern und die Bedingungen für die Gründung kleiner innovativer Firmen („Startups“) zu verbessern. Dies gilt sowohl für die Finanzierung als auch für steuerliche Rahmenbedingungen. Die Verbesserung dieser Förderung soll an Bedingungen guter digitaler Arbeit geknüpft sein.

Die Digitalisierung der Wertschöpfung und der Arbeit stellt auf Grund der genannten Entwicklungen auch eine industriepolitische Herausforderung dar. Die Verknüpfung zwischen „traditionellen“ Branchen (z.B. Maschinenbau) mit neuen durch die Digitalisierung entstandenen Unternehmen verlangt einen strategische zur Entwicklung der hierfür erforderlichen Infrastruktur sowie eine Neuausrichtung industriepolitischer Schwerpunktsetzungen, die durch neue Geschäftsmodelle und Märkte entstehen. Hierbei geht es sowohl um die Förderung von Innovation als auch um die Setzung von Rahmenbedingungen und Regeln.

In einer digitalisierten Wirtschaft ist Wirtschaftsspionage eine noch größere Bedrohung. Die Enthüllungen der NSA-Affäre und die Erhebung von Cyber-Security Experten legen nahe, dass deutsche Unternehmen ungenügend abgesichert sind.

Wir fordern

  • einen Arbeitsbegriff, der nicht nur wirtschaftliche Effizienz, sondern auch die Befriedigung humaner Bedürfnisse der ArbeitnehmerInnen umfasst. Dies betrifft insbesondere die Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit der Arbeit sowie die Förderung der psychischen und physischen Gesundheit.

  • einen Beteiligungsbegriff, der die Stärkung individueller Beteiligungsrechte der betroffenen ArbeitnehmerInnen beinhaltet, um sie an der Ausgestaltung ihrer Arbeitsbedingungen, Leistungsanforderungen und zeitlicher Flexibilität stärker zu teilhaben zu lassen

  • einen Mitbestimmungsbegriff der die Mitbestimmung des Betriebsrats bei der Definition von Arbeits- und Leistungsbedingungen für alle Arbeitnehmergruppenumfasst

  • einen Arbeitnehmerbegriff, der Selbständigkeit bzw. abhängige Beschäftigung realitätsgerecht definiert

  • einen Arbeitszeitbegriff, der eine geregelte und verhandelte Flexibilitätbeinhaltet

  • einen Beschäftigungsbegriff, der auf hochwertigen tarifvertraglich vereinbarten Beschäftigungsbedingungen basiert

  • einen Betriebsbegriff, der sich an der Realität zunehmender Durchlässigkeit durch flexible Zusammenarbeit und wechselnde Arbeitsorte orientiert.