Positionen

04.05.2015

Immer mehr Juden wollen Bayern verlassen - was ist jetzt Aufgabe der Politik?

Von Georg Rosenthal, Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst des Bayerischen Landtags

Laut offiziellen Statistiken wanderten 2014 26.500 Juden aus aller Welt nach Israel ein, zusätzlich kehrten rund 6500 Israelis nach langjährigen Auslandsaufenthalten wieder zurück. Das sind so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch Bayern kehren immer mehr Juden den Rücken zu.

Es reicht nicht aus, Juden bloß als Teil unserer Gesellschaft zu sehen. Es reicht auch nicht aus, über die Pflege des reichen jüdischen Kulturerbes nachzudenken. Wir müssen uns auch damit befassen, wie sich der Alltag von Juden bei uns heute gestaltet. Polizeischutz an Kindergärten, Schulen und Kulturzentren ist Normalität.

Umfragen zeigen, dass etwa 15 Prozent der Bevölkerung als harte Antisemiten zu betrachten sind und bis zu ein Viertel der Menschen eine judenfeindliche Einstellung teilt. Rassismus und Antisemitismus müssen wir mit entsprechenden Bildungsangeboten und in den Schulen begegnen. Der bayerische Freistaat steht hier in der Pflicht, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen.

In unserer Zuwanderungsgesellschaft können viele Menschen nichts mit der Erinnerung an den Holocaust anfangen. Oft waren sogar ihre Eltern und Großeltern noch von den Gräueln deutscher Besatzung als Opfer betroffen. Die Erinnerung an den Holocaust ist jedoch eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Bundespräsident Gauck hat Recht, wenn er sagt, dass es keine deutsche Identität ohne Auschwitz gibt.

Wer in Europa Juden angreift, muss wissen, dass er damit die europäische Werteordnung in Frage stellt. Ein Exodus der europäischen Juden nach Israel wie von dem israelischen Premier Netanjahu vorgeschlagen, ist keine Lösung. Die alltägliche Judenfeindschaft in unserer Gesellschaft erfordert eine entschiedene Antwort unserer offenen und liberalen Gesellschaft.

Es ist darum wichtig, dass wir als Demokraten behutsam mit unserer Wortwahl umgehen und nicht, wie jüngst von Seiten der CSU bei der Debatte um rumänische Zuwanderer, Vorurteile schüren und auf populistische Ressentiments setzen.

Wir als Deutsche sollten dankbar sein, dass nach der Shoa wieder jüdisches Leben in Bayern existiert. Noch immer ist bei vielen betroffenen Familien zu spüren, wie sehr sie die zögerliche Aufarbeitung in Deutschland und in Bayern getroffen hat. Diese Geschichtsvergessenheit darf sich nicht wiederholen: Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.